Ein großartiger olympischer Moment… und was wir davon lernen können

Es tat ja schon beim Zuschauen weh…; am Ende der Sprungbahn bei seiner Bodenübung in Rio bleibt Andreas Toba mit schmerzverzerrtem Gesicht am Boden sitzen, das Knie ist kaputt. Toba kann nicht weiterturnen, die Tränen fließen vor Schmerz und Enttäuschung – wie verständlich. Die spätere bittere Diagnose lautet: Kreuzbandriss.

Was wir kurz darauf erleben ist ein großartiger olympischer Moment, viel bewegender als die ein oder andere Medaille, die in diesen Tagen an manche Sportler vergeben wird, von denen einige eine nach wie vor fragwürdige Dopingvergangenheit (oder –gegenwart?) haben.

Statt in Selbstmitleid und Resignation zu versinken, wofür wir angesichts aller Entbehrungen und Qualen im Vorfeld solcher Wettkämpfe auch Verständnis gehabt hätten, rafft sich Andreas Toba auf und tritt am Pauschenpferd an, weil die deutsche Mannschaft an diesem Gerät keinen adäquaten Ersatz für ihn gehabt hätte. Er muss unglaubliche Schmerzen gehabt haben, die ich nicht nachzuvollziehen vermag, aber er turnt fantastisch und, als er beim Abgang sicher steht, tut es selbst in meinem Knie etwas weh. Es ist ein wahrlich olympischer Moment, in dem Andreas Toba seine persönliche Situation zurückstellt und sich ganz dem Dienst der Mannschaft opfert. Bravo!

Der DSOB erklärt ihn zum „Hero de Janeiro“, dem ist nichts hinzuzufügen.

Andreas Toba

Was lehrt uns Andreas Toba mit seinem Verhalten, welche Erkenntnis können wir über diesen konkreten Moment und auch über den reinen Sport hinaus daraus ziehen?

Für mich, der sich seit 10 Jahren intensiv mit den Parallelen zwischen Spitzensport und Unternehmensführung beschäftigt, sind das vor allem zwei Erkenntnisse:

  1. Das Team ist immer wichtiger als der Einzelne. Wer als Team Erfolg haben will, muss sich selbst immer diesem Erfolg unterordnen. Der Erfolg des einzelnen ist nicht wichtig, er ist nur Mittel zum Zweck des Teamerfolgs. Gratulation Andreas Toba, eindrucksvoller kann man das nicht demonstrieren – wahrlich heldenhaft! Viel glaubwürdiger auch als viele Stimmen, die wir oft in Interviews der Fußballspieler nach den Spielen hören. „Nein, dass ich das Tor geschossen habe, bedeutet mir nichts. Wichtig ist, dass die Mannschaft gewonnen hat.“ Aber die exponierte Jubelpose vor der Tribüne, die perfekte Eigendarstellung vor der Kamera, das muss schon sein – seht her: Ich war´s! Nein, das kommt im Fußballgeschäft schon lange nicht mehr glaubwürdig rüber, der eigene Marktwert muss schließlich geschaffen und erhalten werden. Wahrer Teamgeist zeigt sich im Moment der persönlichen Niederlage, wie sie Andreas Toba erlebt. Der eigene olympische Traum ist vorbei, aber das Team „am Leben zu halten“ und ins Teamfinale zu bringen, dafür wird noch ein großes persönliches Opfer gebracht – das nenne ich glaubwürdig!
  2. Die zweite Erkenntnis bestätigt für mich wieder einmal die „Pyramide der Siegerfaktoren“, die meine aus dem Spitzensport kommenden Partner und ich seit vielen Jahren in unsere Veranstaltungen einbringen. Was treibt Menschen an, außergewöhnliche Leistungen zu erbringen? Ohne Frage sind alle Elemente der Pyramide wichtig, aber nur zwei geben den Ausschlag über Sieg und Niederlage. Einen, den absoluten TOP-Faktor, führt uns Andreas Toba eindrucksvoll vor: den Wille zum Erfolg bzw. zum Sieg!Pyramide der Siegerfaktoren
    Gerade die olympischen Spiele zeigen diesen Aspekt immer wieder überdeutlich auf. Großartige Sportler oftmals Kopf an Kopf auf der Zielgeraden, wenn der Körper längst die physischen Grenzen erreicht, vielleicht sogar überschritten hat. Wenn in den letzten Sekunden das wenige „Mehr“ her muss, das letztlich über Sieg und Niederlage (obwohl ich bei einer olympischen Silbermedaille diesen Begriff eigentlich gar nicht verwenden mag) entscheidet. Es ist das „Mehr“ an Willen, was sonst sollte es sein? Diesen Willen, sich noch einmal zu quälen, – nicht mal für den persönlichen Triumph – zeigt uns Andreas Toba eindrucksvoll. So sehen Sieger aus!

Auf die anderen Aspekte der Pyramide möchte ich an dieser Stelle nicht eingehen, aber dennoch die Frage aufwerfen: Wie sieht es mit Siegeswillen in deutschen Unternehmen aus? Immer wieder diskutieren wir diese Frage in unseren Veranstaltungen mit unseren Teilnehmern. Das Meinungsbild fällt meist sehr heterogen aus und dennoch lässt sich im Trend sagen: Nur selten finden wird diesen im Sport so entscheidenden Willen zum Erfolg auch bei Mitarbeitern in Unternehmen. Bei einigen ja, selbstverständlich. Aber in der Breite? Persönliche Opfer bringen für den Erfolg des Unternehmens, wenn es nicht mein eigenes Unternehmen ist? Sich noch einmal quälen, was auch immer das im Arbeitsleben heißen könnte (Weiterbildung in der Freizeit, Überstunden, den unangenehmen Kunden anrufen, etc.)?

Ich lasse Sie das selbst beurteilen und sich Ihre eigene Meinung bilden. Für mich steht inzwischen nach 10 Jahren intensiver Beschäftigung mit diesen Themen fest, dass der Sport den Unternehmen in diesem Punkt klar voraus ist und wir von Spitzensportlern dazu einiges lernen können.

DANKE Andreas Toba, dass Sie es so eindrucksvoll demonstriert haben!

Und natürlich: Gute Besserung, alles Gute und viel Erfolg nach der Genesung.

 

Mehr zu diesen Themen:

Mario Porten (Hrsg.):
Was Führungskräfte und Mitarbeiter vom Spitzensport lernen können
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Aus der Reihe Coachingerfahrungen – Nicht immer…

… sind es die großen Formate, die im Coaching den Durchbruch oder zumindest einen wesentlichen Fortschritt bringen.

Vor einiger Zeit hatte ich einen Coachingnehmer, der sichtlich unter Druck stand, er “musste” unbedingt etwas ändern: “Ich muss Sport treiben, ich muss abnehmen, ich muss entspannter werden, ich muss mehr Zeit haben für…”, usw.

So war er natürlich nicht arbeitsfähig und ich lud ihn ein, darüber nachzudenken, ob es eigentlich Spaß macht, wenn man etwas “muss”. Danach bat ich ihn seinen Satz mal so umzuformulieren, dass vielleicht ein höherer Anreiz zur Umsetzung dabei heraus kommt.

Mit wenigen Fragen und innerhalb weniger Minuten führte ich ihn zu folgendem Ergebnis:

ändern

Es dauerte keine halbe Stunde und die Gesichtszüge meines Klienten hatten sich sichtlich entspannt, ein Lächeln hatte den grimmigen gepressten Gesichtsausdruck ersetzt.  Mein Klient hatte erkannt, wie viel leichter es ist, wenn er die Veränderung als “Seins” annimmt – es ging plötzlich ganz leicht und er war voller Energie. Der Glaube an die eigenen Fähigkeiten war wieder da und wir konnten uns wunderbar der Frage zuwenden: “Was änderst Du denn jetzt?”

Fazit: Es muss nicht immer die “Mega-Intervention” sein!